Interview mit Bo Heart

Wie kamst du zur Musik?
Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Pastor in einer freien evangelischen Gemeinde. Dort wurde viel gesungen. Auch zu Hause haben wir als Familie gemeinsam musiziert. Wir waren drei Geschwister und wir haben uns als Gruppe formiert als ich ca. 9 Jahre alt war. Erster öffentlicher Auftritt war die Hochzeit unserer Tante. Im Alter von 11 Jahren habe ich dann mit dem Klavier angefangen. Aber ich mochte den Unterricht und die Musik, die ich spielen sollte, nicht. So hörte ich nach kurzer Zeit mit dem Unterricht auf. Klavierspielen und Singen habe ich durch Nachahmung gelernt. Mein Bruder brachte mir das 12 Takte Schema des Blues bei, eine Bekannter kannte einige Bluesriffs, wieder ein anderer Erklärte mir etwas Neues und so weiter. So lernt man autodidaktisch, indem man forscht, Dinge ausprobiert, Fehler macht, gut zuhört, kritisiert wird und nachahmt. Nur mit den Noten hatte ich es nie so. Ich spiele hauptsächlich nach Gehör.

Warum hast du dich entschieden Berufsmusiker zu werden?
Der Wunsch vor Menschen Musik zu machen, kam früh. Ich erinnere wie ich im Alter von 15 Jahren alleine vor den leeren Stühlen des Gemeindesaals gespielt habe. Stundenlang habe ich immer die gleichen Blues- und Boogiesachen gespielt und mir dabei vorgestellt, die Stühle wären besetzt. Als wir nach Canada kamen, ich wurde gerade 16, hat mich mein Musiklehrer in der Bowness High School sehr gefördert und unterstützt. Er kaufte mir ein E-Piano und besorgte erste kleine Auftritte für mich und meine Schwester. Von dort ging es kontinuerlich einfach immer weiter. Erst waren es kleine Jobs für kleines Geld. Irgendwann wurde ich als Pianist von bereits etablierten Bands engagiert. Mit 17 verdiente ich alles Geld, was ich zum Leben brauchte mit Musik. Uns so ist es auch heute noch. Seit nun mehr mehr als 30 Jahren.

Ist es ein guter Beruf?

So wie ich ihn erlebe ist er abwechslungsreich und spannend. Auch das Hin und Her zwischen verschiedenen Künstlern und Musikrichtungen empfinde ich als Inspiration. Mit großen Künstlern wie Curt Cress, Klaus Lage, Xavier Naidoo oder Albert Mangelsdorff zusammenzuarbeiten ist einfach richtig klasse. Man kann ihre Art zu arbeiten erleben, ihre Art ein Publikum in den Bann zu ziehen beobachten und dabei sehen, wie viele verschiedene Wege es gibt, Musik lebendig zu gestalten. Es gibt aber auch dunkle Seiten im Musik-Business, wo fragwürdige Figuren das schnelle Geld suchen. Da muß man manchmal ganz schön auf der Hut sein. Ich hatte ganz früh in meiner Karriere mal so einen Fall, wo mich jemand um richtig viel Geld geprellt hat. Ansonsten hatte ich aber immer mit sehr ordentlichen Menschen zu tun, auf deren Wort man sich auch verlassen konnte.

Kannst du dich an deinen schlechtesten Auftritt erinnern?

Nein! (lacht) Aber an den zweitschlechtesten: Es war mein erster Profi-Job nach der High School. Mein Bruder, meine Schwester, ein Schlagzeuger und ich hatten ein 3 Wochen-Engagement in Vernon, British Columbia. Unserer Schlagzeuger hatte uns vermittelt. Er spielte bis dahin in einer Hotel-Lounge Band. Er war also ganz leise Töne gewohnt und hielt die seichte Popmusik die wir machten, für Rock. Nun kamen wir in diesem Rock-Club in Vernon an, der Laden war voller harter Kerle mit den dazu passenden harten Mädels. Ich hab nie wieder so viele Tatoos gesehen! Nun stelle man sich diese Szene vor. Da kam ich mit meinen 17 Jahren, ein Milchgesicht und das härteste was ich singen konnte war Crockodile Rock von Elton John. Die Leute wollten Hard Rock hören – nix mit lila Flügel! Nachdem wir den Laden zwei Tage hintereinander in 2 Sets leergespielt hatten, kam ich am dritten Tag zum Eingang des Clubs, wo mich der Türsteher aufhielt: „Du darfst hier nicht rein!“ Ich sagte ihm, ich sei doch von der Band und er antwortete trocken: „Ich weiß!“ Er schmunzelte überlegen und ließ mich rein... zum Abbauen!

Übst du viel?

Wenn du viel übst, wirst du gut im Üben. Ich spiele viel und gerne. Aber einpauken ist nicht so mein Ding. Natürlich muss auch ich hin und wieder an meiner Technik arbeiten oder mir neues Material erarbeiten. Vor meiner ersten Vicky Tournee hatte ich mal richtig Sorge es nicht zu packen. Da setzte ich mich dann hin und übte sehr intensiv. Auch bei Albert Mangelsdorff bin ich ganz schön ins Schwitzen geraten. In beiden Fällen waren es Musikrichtungen, mit denen ich noch keine Erfahrungen gesammelt hatte. Meistens erarbeite ich mir die Sachen in dem ich sie einfach oft spiele.

Müsstest du deine Art von Musik kategorisieren, als was würdest du sie bezeichnen?

Der umfassendste Begriff für das was ich tue und auch gerne höre ist Pop. Das ist ein Oberbegriff für alle möglichen Stilrichtungen. Soul, Country, Blues, Beat, Rap usw. Ich wähle das aus, was mich berührt, sei es durch die Musik oder aber auch durch die Texte oder Arrangements. Ich bin Pop-Musiker, weil im Pop so ziemlich alles erlaubt ist. Die Beatles haben es vorgemacht. Es darf experimentiert werden, mal ist es einfach, dann wieder kompliziert - Für mich entscheident, ganz einfach, der Geschmack.

Hast du Vorbilder?

Ja einige. Gesanglich hat Joe Cocker mich geprägt. Nun habe ich überhaupt keine Cocker-Stimme und wer mich hört wird wohl kaum an Cocker denken. Aber seine Art zu phrasieren und zu interpretieren haben mich mitgeprägt. Pianistisch sind es Elton John und die Studiomusiker Richard Tee, Billy Preston und Nicky Hopkins. Als Songwriter sind es Leute wie Neil Finn, Sting oder Mark Knopfler aber auch Stevie Wonder und Billy Preston, die ich einfach sehr gerne höre.

Was macht dir mehr Spaß, begleiten oder leiten?

Beides macht mir Spaß. Beides ist absolut faszinierend. Da ich bisher viel begleitet habe, möchte ich den Schwerpunkt jetzt mehr auf das Selbermachen und vorne stehen setzen. Ja das ist so!

Was möchtest du nicht missen?

Das unstete Leben und die Überraschungen, die damit verbunden sind. Ich mag Reisen, Hotels, die unterschiedlichen Programme verschiedener Bands und immer wieder neue Freundschaften mit neuen Kollegen und nicht zu vergessen: Jam-Sessions in der Hotelbar. Verzichten könnte ich allerdings auf die Kehrseite dessen, was ich gerade genannt habe. Die Unsicherheit, das nicht verwurzelt sein und manchmal die Einsamkeit. Wie war das noch mit den zwei Seiten einer Medallie?

Du hast zwei LPs gemacht, arbeitest an deiner dritten. Was treibt dich?

Aufgenommene Musik hat ihren ganz eigenen Reiz. Eine LP zu machen ist immer etwas ganz besonderes. Da nehme ich mir Zeit, tüftle und experimentiere und lasse mich von meinen Kollegen inspirieren. Bei einer eigenen Produktion gehe ich in eine Detailtiefe, die wiederum nur im Studio möglich ist. Außerdem kannst du dich mit einer Platte verewigen. Sie verleiht dir ein kleines Stück Unsterblichkeit.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Im Moment beschäftige ich mich mit neuen Wegen, Live-Musik für ein Publikum interessant zu gestalten. Es gibt so viele großartige Künstler, denen der Zugang zu einem größeren Publikum aus unterschiedlichen Gründen verwehrt ist. Der eine Künstler ist nicht mehr so aktuell, der andere ist für die Medienlandschaft nicht hübsch genug, noch ein anderer zu schüchtern. Dennoch hat jeder von ihnen etwas mitzuteilen. Meine Vision ist es, diese Künstler aus ihrer Isolation herauszuholen und ihre Kräfte zu bündeln. Warum muss ein junges Talent auf Anhieb ein ganzes Konzert absolvieren. Warum muss die einst berühmte Sängerin alleine für genug Kartenverkäufe sorgen, damit sowohl Veranstalter als auch Künstler wirtschaftlichen Erfolg haben können? Bringe ich mehrere Künstler unter ein Dach und vermarkte diese Gemeinschaft, gibt es mehr zu gewinnen als zu verlieren. Dieses Konzept ist nicht neu. Der Rock & Roll wurde ähnlich durch Alan Freed erfunden. Heute sieht man die Söhne Mannheims, Freundeskreis und viel andere in solchen Verbindungen. Dort bekommt man Programme und nicht nur Bands oder Solokünstler zu sehen.

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